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Humboldt-Universität zu Berlin - Deutsch

Einblicke

Hier finden Sie in regelmäßigen Abständen Beiträge, die Ihnen Einblicke in die Forschung der verschiedenen Teilprojekte gewähren – Interviews, Videomitschnitte von Vorträgen und Veranstaltungen, Podcasts.

Vorstellung des Forschungs-Interventions-Clusters "Solidarität im Wandel?" durch Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba

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Solidarität im Wandel? Aktuelle Forschungsergebnisse zur Integration von Geflüchteten

Am 23.03.2017 präsentierten und diskutierten zahlreiche Mitarbeiter*innen des BIM-"Fluchtclusters" im Audimax der Humboldt-Universität zu Berlin die Forschungsergebnisse und Handlungsempfehlungen ihrer Teilprojekte. Hier finden Sie die Video-Mitschnitte der Panels sowie der Podiumsdiskussion mit Staatsministerin Aydan Özoğuz (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration), Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst (Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin), Bernd Knobloch (Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung), Detlef Scheele (Vorstand Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit), Willi Hink (Direktor für Gesellschaftliche Verantwortung des Deutschen Fußball-Bundes) und Prof. Dr. Naika Foroutan (Stellvertretende Direktorin des BIM/ Moderation).

 

 

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"Es ist mitunter besser von Solidaritäten als von Solidarität zu sprechen"

Prof. Dr. Magdalena Nowicka leitete das  Forschungsprojekt "Solidarisierung in Europa: Migrant*innen und Osteuropäer*innen und ihr Engagement für Geflüchtete". Ein Interview über Transnationalismus, die Bedeutung eigener Fluchterfahrungen unter Freiwilligen und die Möglichkeit, 2.500 polnische Migrant*innen zu befragen

 

Sie haben polnische Migrant*innen zu ihren Hilfeleistungen für geflüchtete Menschen befragt. Was motiviert Migrant*innen, sich für Geflüchtete zu engagieren? Spielen dabei eigene Migrationserfahrungen eine wichtige Rolle?

 

Prof. Dr. Magdalena Nowicka: Zunächst möchte ich betonen, dass sich insgesamt 18 Prozent der befragten polnischen Migrant*innen für Geflüchtete engagieren. Zwar existieren keine vergleichbaren Studien für die Gesamtheit der Bevölkerung in Deutschland, jedoch ist einigen Umfragen zufolge der Anteil der Helfer*innen unter polnischen Migrant*innen etwas höher als unter allen Menschen in Deutschland.

Ein Großteil dieser Personen hilft aus humanitären Gründen. So gaben drei Viertel unserer Befragten an, sich für Geflüchtete zu engagieren, weil man Menschen in schwierigen Situationen generell helfen sollte. Wir begreifen dies als Zeichen einer kosmopolitischen Form von Solidarität, die unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft oder Nationalität greift.

Eigene Migrationserfahrungen spielen hierbei nicht unbedingt eine Rolle, allerdings eigene Fluchterfahrungen oder Fluchterfahrungen innerhalb der Familie. Laut unserer Studie erhöhen diese die Bereitschaft zum Engagement.  So liegt der Anteil der Freiwilligen mit eigener Fluchterfahrung bei fast einem Drittel, ein deutlich höherer Wert als in der gesamten Stichprobe.

 

Für Ihr Projekt befragten Sie 2.500 in Deutschland lebende polnische Migrant*innen. Wie haben Sie diese große Stichprobe erreicht?

 

Wir haben in unserem Projekt ein neuartiges Verfahren angewendet, das sich ausgesprochen gut bewährt hat. Das herkömmliche Verfahren, um eine Stichprobe von Migrant*innen zu generieren, ist das onomastische Verfahren, also eine namensbasierte Zufallsstichprobe. Das bedeutet vereinfacht, dass im Fall polnischer Migrant*innen polnisch klingende Namen von einer Software aus dem Telefonbuch herausgefiltert werden. So ausgewählte Personen werden anschließend befragt. Dieses Verfahren halten wir für problematisch, da aufgrund der langen Migrationsgeschichte viele in Polen geborene Personen deutsche Vorfahren haben und daher deutsche Namen haben. Auch lassen viele Migrant*innen ihre Namen in Deutschland "germanisieren" oder nehmen den Namen ihres deutschen Partners oder ihrer deutschen Partnerin an. Diese Personen würden aus dem Sample herausfallen.

Stattdessen haben wir uns für ein Sampling nach IP-Adressen entschieden. Kurz gesagt wurden auf polnischsprachigen Websites, die von deutschen IP-Adressen angesteuert werden, Anzeigen geschaltet mit einer Einladung zu unserer Umfrage. Wer die Umfrage aufrief, wurde dann zunächst gefragt, ob er oder sie überwiegend in Deutschland lebt. So konnten wir beispielsweise Touristen aus Polen ausschließen. Da lediglich ein verschwindend geringer Anteil von Nicht-Polen in Deutschland Polnisch spricht, konnten wir auf diese Art zielgenau polnische Migrant*innen in Deutschland adressieren und unsere Stichprobe von 2.500 erreichen.

 

Die Teilnehmer*innen wurden außerdem zu ihren Einstellungen gegenüber Geflüchteten befragt. Wie haben Sie diese Einstellungen erhoben?

 

Um die Einstellungen gegenüber Geflüchteten der Befragten herauszufinden,  sind wir auf zwei Weisen vorgegangen. Erstens haben wir direkt nach Einstellungen zu Themen oder Ereignissen aus Gesellschaft und Politik gefragt. Uns interessierten zum Beispiel der Grad der Zustimmung zu Positionen der deutschen und polnischen Regierung zur Aufnahme von Geflüchteten, aber auch die Art und Weise, in der Befragte Geflüchtete unterstützen.

Außerdem haben wir spezifische Einstellungen und Meinungen mittels sogenannter Vignetten erhoben. Eine Vignette beschreibt eine fiktive Person. Die Beschreibung besteht aus einzelnen Bausteinen, die jeweils variiert werden. In unserem Fall haben wir Geschlecht, religiöse Zugehörigkeit und Fluchtgrund fiktiver Geflüchteter variiert und gefragt, ob diese Geflüchteten als Bewohner*in des Landes oder der Stadt, als Nachbar*in oder als Freund*in akzeptiert werden würden.

Durch eine anschließende statistische Analyse konnte herausgefunden werden, anhand welcher Merkmale Unterschiede in der Akzeptanz auftreten. So werden tiefer liegende Einstellungen sichtbar, die nicht mittels direkter Fragen herausgefunden werden können. Dies kommt daher, dass oftmals das artikulierte Selbstverständnis der Befragten sich nicht mit den wirklichen Einstellungen deckt, insbesondere im Falle gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

 

Polnische Migrant*innen in Deutschland leben, so schreiben Sie, besonders transnational – was bedeutet das?

 

Unter Transnationalismus kann ein Prozess verstanden werden, in dem Migrant*innen soziale Felder produzieren, die das Herkunftsland und das Land der Niederlassung vernetzen. Polnische Migrant*innen leben insofern transnational, als dass sie soziale Kontakte sowohl nach Deutschland als auch nach Polen haben und somit in zwei verschiedene sozio-kulturelle Kontexte und soziale Netze eingebunden sind. Obwohl sie in Deutschland leben, pflegen sie aktiv ökonomische, politische, soziale und kulturelle Beziehungen nach Polen. Dies äußert sich etwa durch regelmäßige Besuche in Polen oder sogar durch das Pendeln zwischen zwei Wohnsitzen. Auch in der Mediennutzung zeigt sich transnationale Vernetzung. Ein großer Anteil unter ihnen nutzt regelmäßig polnische und deutsche Medien, aber auch Medien in weiteren Sprachen.

 

Dadurch ist diese Personengruppe auch zwei politischen Diskursen bezüglich Geflüchteten ausgesetzt. Wie würden Sie diese kontrastierenden Diskurse beschreiben?

 

Ich würde sagen, dass der zentrale Unterschied die Einseitigkeit des Diskurses betrifft. Auch wenn sich der mediale Diskurs in Deutschland zunehmend in eine Richtung entwickelt, in der exkludierende und zum Teil rassistische Narrative vorherrschen, so gibt es dennoch Stimmen, die Abschottung und Unterminierung von Asylrecht kritisieren. Im polnischen Diskurs wird das als "deutsch" betrachtete Argument der humanitären Verpflichtung zur Solidarität mit Geflüchteten als Anzeichen von westeuropäischer Schwäche und Naivität dargestellt. Der polnische Diskurs ist sehr einseitig und wird dominiert von der Figur des Geflüchteten als Ausdruck von Gefahr sowie von antimuslimischem Rassismus. Das Bild der "Willkommenskultur" ist in polnischen Medien abwesend.

 

Was können wir über Solidarität im Allgemeinen lernen, wenn wir die spezifischen Solidarisierungsprozesse von in Deutschland lebenden polnischen Migrant*innen mit Geflüchteten besser begreifen?

 

Sie zeigen, dass die Idee, dass eine nationalstaatlich gedachte Solidarität, eine Verbundenheit beziehungsweise soziale Nähe einer nur durch nationalstaatliche Grenzen definierten Gemeinschaft nicht fähig ist, heutige Solidarisierungsprozesse adäquat zu erfassen. Solidarität mit vermeintlich kulturell homogenen Nationen zu identifizieren reduziert nicht nur die Komplexität von Grenzziehungen, die immer mit dem Solidaritätsbegriff einhergehen, sondern ist auch kulturalistisch. Der "Sommer der Migration" hat entscheidend politische Narrative in Frage gestellt, die Migrant*innen die Zugehörigkeit zu nationalstaatlichen Solidargemeinschaften Europas verwehren. Unsere Studie zeigt, dass Grenzziehungen vielfältig, lokal und zeitlich kontingent, kontextabhängig und auch manchmal prekär sind. Konträre Solidaritätsdiskurse, wie zum Beispiel Solidarität basierend auf Religion oder Nation einerseits und eine humanitäre, kosmopolitische Solidarität andererseits, können zeitgleich auftreten. Unsere Studie zeigt, dass es mitunter besser ist, von Solidaritäten als von Solidarität zu sprechen.

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Interview mit Prof. Dr. Tina Nobis und Christoph Barth

Prof Dr. Tina Nobis ist Juniorprofessorin für Sport, Integration und Migration am BIM und leitete das Projekt Flüchtlingsarbeit von Sportvereinen – auch für Mädchen und Frauen?. Gemeinsam mit Christoph Barth und Susanne Borth befragte sie hierfür Leiter*innen und Mitarbeiter*innen von 17 Sportvereinen Sachsens und Berlins. Thema waren dabei das Verständnis von Interkulturalität und der Stellenwert, den das Thema für die Vereine hat. Insbesondere wurde nach den Bemühungen gefragt, die Vereine unternehmen, um geflüchtete Mädchen und Frauen aufzunehmen. Ein Gespräch mit Tina Nobis und Christoph Barth über Interkulturalität und Flüchtlingsarbeit in Sportvereinen
 

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"I watch German lessons on Youtube"

The project Digitalization and Self-Organized Migrant Logistics has interviewed refugee women and men living in Berlin, aged 16 to 38, about their media use. On the one hand, results indicate post-migrant media use patterns, meaning: types of media use will be strongly related to sociodemographics such as age or gender, rather than to the fact of being a refugee or not. On the other hand, interviews revealed a migration-specific use of the internet. Follow this map along the migration route – from Syria to Turkey, across the Mediterranean Sea, through the Balkans up to Germany – and read about how interviewed refugees used their smartphones along different stages of the process of migration.

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Akteure in der Vermittlung mobiler Arbeit

In der Debatte um die beschleunigte Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt werden einerseits Hoffnungen geschürt, den Fachkräftemangel in Deutschland lösen zu können. Andererseits stellt die Arbeitsvermittlung an Migrant*innen zunehmend ein logistisches Problem dar, an dessen Prozessen sich eine wachsende Anzahl von Agenturen beteiligen. Das Projekt Politiken und Vermittlung mobiler Arbeit hat diese neuen Akteure und bestehende Strukturen untersucht. Hier finden Sie eine Übersicht privatwirtschaftlicher, zivilgesellschaftlicher, staatlicher Initiativen, die an der Vermittlung mobiler Arbeit beteiligt sind.

Zum Ansehen wird das Programm XMind benötigt.

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"Das Schaffen von Bewusstsein kann helfen, Vorurteile abzubauen"

Die Akzeptanz offener Vorurteile nahm in den letzten Jahrzehnten tendenziell ab; subtilere Formen von Ressentiments nicht. Somit werden existierende Vorurteile zunehmend schwer zu erfassen. Das Projekt Subtile Vorurteile erforscht in einer quantitativ-experimentellen Untersuchung, was überhaupt ein subtiles Vorurteil ausmacht und welche Persönlichkeitseigenschaften mit entsprechenden Einstellungen einhergehen. Karolina Fetz im Interview über soziale Erwünschtheit und die Möglichkeiten zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit


Ihr Projekt "Subtile Vorurteile" geht davon aus, dass Vorurteile gegenüber Zuwander*innen und Personen aus unterschiedlichen Herkunftsgruppen heutzutage in subtilerer Form auftreten und nicht mehr so offen kommuniziert werden wie früher. Welche Herausforderungen ergeben sich hieraus für die Erforschung solcher verdeckter Vorurteile?

 

Karolina Fetz: Die Vorurteilsforschung hat, wie jede Forschung, in der Befragungen zu eher umstrittenen Themen durchgeführt werden, das Problem der sozialen Erwünschtheit. Das bedeutet, dass Befragte möglicherweise nicht ihre eigentliche Meinung angeben, sondern eher so antworten, wie sie denken, dass es 'politisch korrekt' wäre. Daraus ergibt sich generell die Schwierigkeit, tieferlegende Vorurteile  überhaupt erheben zu können.

Zudem hat sich die Art und Weise, in der Vorurteile und Ablehnung gegenüber unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen geäußert werden, im Zeitverlauf sehr stark verändert. Während vor einigen Jahrzehnten Vorurteile aus der heutigen Perspektive sehr direkt und unverhohlen kommuniziert wurden, würden solche Aussagen in der Öffentlichkeit heutzutage sehr wahrscheinlich auf breite Ablehnung stoßen und weniger Zustimmung erhalten. Das heißt aber nicht, dass es keine Vorurteile mehr gibt – vielmehr, dass sich ihre Ausdrucksformen gewandelt haben. Und daran muss sich natürlich auch die Forschung anpassen, die Vorurteile adäquat untersuchen will.

Die Sozialpsychologie setzt sich schon länger mit diesem Problem auseinander. Es wurden verschiedene Konzepte entwickelt, mit denen sich verdeckte Formen von gesellschaftlich weit verbreiteten Vorurteilen erheben lassen. Ausgehend von dieser Forschung hat sich unser Projekt tiefergehend damit beschäftigt, was ein subtiles Vorurteil überhaupt ausmacht. Ganz zentral haben wir einerseits untersucht, welche Dimensionen die Subtilität eines Vorurteils beziehungsweise einer vorurteilsbehafteten Aussage beeinflussen. Und andererseits haben wir uns auch gefragt und erprobt, wie Subtilität überhaupt messbar gemacht werden kann. Diese Fragen sind auch in Bezug auf den aktuellen Migrationsdiskurs interessant, in dem Vorurteile oft etwas 'besser verpackt' zu Tage treten oder in vermeintlich politisch korrekter Weise transportiert werden, sodass ihr fremdenfeindlicher Kern verschleiert wird.

 

Sie haben in Ihrer Studie Teilnehmer*innen zu Vorurteilen befragt. Wie wurden die Vorurteile abgefragt?

 

In unserer Studie haben wir Vorurteile als explizite Einstellungen abgefragt, also als Einstellungen, die Personen bewusst äußern. In der klassischen Vorurteilsforschung werden solche expliziten Einstellungen anhand der Zustimmung zu unterschiedlichen Aussagen erhoben. In unserer Studie haben wir, neben Aussagen-Items einer etablierten sozialpsychologischen Vorurteilsskala, auch selbst entwickelte Vorurteilsitems verwendet, die in der Sprachstärke, in dem Thema, auf das sie sich beziehen, und in der Zielgruppe systematisch variieren. Die Befragten wurden gebeten, anzugeben, inwiefern sie den Aussagen zustimmen und inwiefern sie sie als fremdenfeindlich bewerten. Letztere Angaben sollten als Maß des Bewusstseins über den fremdenfeindlichen Gehalt bestimmter Aussagen dienen.

 

Sie untersuchen unter anderem den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Vorurteilen und bestimmten Persönlichkeitseigenschaften. Welche Eigenschaften haben Personen, die in besonders geringem Maße Vorurteile vertreten?

 

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale hängen damit zusammen, wie stark Personen Vorurteile vertreten – ein relativ stabiler Befund in der Vorurteilsforschung, den auch unsere Studie bestätigt. Personen, die Vorurteilen in geringem Maße zustimmen, verfechten beispielsweise im Vergleich zu Anderen stark egalitäre Werte.  Das heißt, sie befürworten die Gleichstellung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und sehen eine individuelle Verantwortung eines oder einer jeden, diese zu erreichen. Außerdem nehmen sie sich selbst als Personen wahr, die sich für Gleichstellung einsetzen. Sie haben ein vergleichsweise starkes egalitäres Selbstbild, es ist ihnen wichtig, sich nicht vorurteilsgeleitet zu verhalten. Sie haben also eine hohe internale Motivation, Vorurteile zu vermeiden.

Personen, die vergleichsweise wenige Vorurteile hegen, vertreten außerdem in geringerem Maße gesellschaftliche Hierarchien; sie haben eine geringe soziale Dominanzorientierung. Sie vertreten selten eine protestantische Arbeitsethik, also die Auffassung, dass jede Person genau die gesellschaftliche Position innehat, die sie durch die eigene Leistung auch verdient hat. Zudem verspüren Personen mit geringen Vorurteilen weniger äußeren, gesellschaftlichen Druck, ihre Vorurteile kontrollieren zu müssen.

 

Ist es möglich, Vorurteile an sich selbst zu erkennen?

 

Vorurteile weisen bestimmte gemeinsame Kernelemente auf. Sie alle basieren auf generalisierenden Zuschreibungen und beinhalten pauschale Abwertungen einer gesamten Gruppe und aller ihr zugeordneten Personen. Da dies auf subtile und offene Vorurteile gleichermaßen zutrifft, ist es möglich, Aussagen Anderer und eigene Einstellungen daraufhin kritisch zu prüfen und zu hinterfragen.

Letztendlich sind dieses Innehalten und das Hinterfragen eigener Einstellungen ein Ziel bewusstseinsschaffender Maßnahmen zum Vorurteilsabbau – eine solche Selbstreflexion und Selbstregulation erfordert aber auch Anstrengung. Ob man diese Anstrengung aus sich selbst heraus aufbringen kann und möchte, hängt von persönlichen Eigenschaften und Wertvorstellungen ab. Und natürlich auch von der Sensibilität für das Thema Vorurteile. Was unsere Studie ja auch gezeigt hat, ist, dass bestimmte Formen von Vorurteilen schwieriger als solche zu enttarnen sind als andere. Insbesondere für diese subtilen Erscheinungsformen von Vorurteilen  gilt es daher den Blick in besonderem Maße zu schärfen.

 

Wie können subtile Vorurteile beeinflusst werden? Genügt es, sie der jeweiligen Person bewusst zu machen?

 

Die sozialpsychologische Forschung hat in der Tat gezeigt, dass Bewusstmachung eine vielversprechende Methode ist, um Vorurteile abzubauen. Und zwar insbesondere für Personen, bei denen das Bewusstwerden über eigene Vorurteile stark mit eigenen Wertvorstellungen kollidiert. Bei diesen Personen kann das Schaffen von Bewusstsein selbstregulatorische Mechanismen initiieren und beispielsweise dazu führen, dass sie verstärkt auf vorurteilsbehaftete Reaktionen ihrerseits achten und diese stärker kontrollieren. Insbesondere für den Abbau von subtileren Vorurteilen könnte Awareness-Raising gut funktionieren, da sie auf breitere Zustimmung stoßen und in höherem Maße auch von Personen vertreten werden, die eigentlich den Anspruch an sich stellen, nicht vorurteilsbehaftet zu agieren.

 

"Ich bin ja kein Rassist, aber": Kündigt dieser Satz (immer) ein Vorurteil an?

 

Die Tatsache, dass der Sprecher oder die Sprecherin es überhaupt für notwendig erachtet, eine solche Einschränkung vorauszuschieben, zeigt in jedem Fall, dass die Person sich darüber bewusst ist, dass hierauf eine auch aus ihrer Perspektive mindestens grenzwertige Aussage folgen wird, die als fremdenfeindlich wahrgenommen werden könnte, für Unmut sorgen und sie in einem schlechten Licht dastehen lassen könnte. Auf ganz allgemeiner Ebene ist es eine recht dominante soziale Norm, dass Rassismus und rassistische Vorurteile abzulehnen sind. Und viele Personen möchten daher nicht von außen als rassistisch wahrgenommen werden, da sie Schwierigkeiten damit hätten, diese Wahrnehmung mit einem positiven Selbstbild in Einklang zu bringen. Jenseits dieser abstrakten Ebene vertreten jedoch viele Menschen ganz konkrete fremdenfeindliche Vorurteile, die dementsprechend mit dieser Norm und diesem Selbstanspruch kollidieren. Der vorausgeschobene Satz "Ich bin ja kein Rassist, aber" dient somit als Werkzeug zur Absicherung des eigenen positiven Selbstbilds – sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber Anderen.

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"Von was für einem Traumaverständnis gehen wir eigentlich aus?"

Dr. Ulrike Kluge und Judith Strasser explorierten in dem Forschungs-Interventions-Projekt ReWoven – Refugee Women and (psychosocial) volunteer engagement die Beziehungsgestaltung zwischen geflüchteten Frauen und ehrenamtlichen Helferinnen. Welche Konflikte können, auf psycho-sozialer Ebene, in diesen Begegnungen auftreten? Ehrenamtliche und geflüchtete Frauen wurden hierzu interviewt. Außerdem implementierte das Projekt eine pilothafte Dialog-Gruppe – der Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem mögliche Unsicherheiten zwischen Frauen besprechbar gemacht werden können. Hören Sie hier ein Hintergrundgespräch mit den zwei psychologischen Leiterinnen der Gruppe, Dr. Ulrike Kluge und Judith Strasser, sowie Eindrücke der Teilnehmerinnen.

 

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Building bridges

How do we make a city our home? The application-oriented project RefugeesHub aims at building a linguistic bridge for Farsi and Dari speaking refugees in Berlin. By creating a  platform fot the Farsi and Dari community, it connects refugees, activists and institutional structures. View this video guide to the use of the Dari/Farsi and English speaking website refhub that resulted from the project.

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Mit separierter Beschulung zur Inklusion?

Am 13.12.2016 präsentierten Wissenschaftler*innen in der Humboldt-Universität zu Berlin ihr Projekt zur Beschulung neu zugewanderter und geflüchteter Kinder in Berlin. Die qualitative Untersuchung umfasste sowohl ethnografische Beobachtungen und Interviews mit Schulleitungen, Lehrkräften und Eltern geflüchteter Kinder an 17 Berliner Grundschulen, als auch Gespräche mit Expert*innen aus Verwaltung und Vertreter*innen von Nichtregierungsorganisationen. Im folgenden finden Sie Video-Mitschnitte der Ergebnispräsentation sowie Kommentare von Prof. Dr. Paul Mecheril, Sanem Kleff und Mona Massumi.

"Willkommensklassen: Mit separierter Beschulung zur Inklusion?" (1/4) Einleitung durch Prof. Dr. Paul Mecheril

"Willkommensklassen: Mit separierter Beschulung zur Inklusion?" (2/4) Präsentation der Forschungsergebnisse aus dem Projekt "Die Beschulung neu zugewandeter und geflüchteter Kinder in Berlin – Praxis und Herausforderungen"

"Willkommensklassen: Mit separierter Beschulung zur Inklusion?" (3/4) Vortrag von Sanem Kleff "Migration und Schule: Eine historische Einordnung"

"Willkommensklassen: Mit separierter Beschulung zur Inklusion?" (4/4) Vortrag von Mona Massumi "Professionalisierung von Lehramtsstudierenden"

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Willkommen in der Ablehnungskultur? Rassismus und Entsolidarisierung in Deutschland – Diagnosen, Perspektiven, Gegenstrategien

Seit dem Sommer der Migration beobachten wir, neben wachsendem Engagement und ehrenamtlichem Einsatz für Geflüchtete, auch gegenteilige Bewegungen der Entsolidarisierung, die sich beispielsweise durch Angriffe auf Geflüchtete und Unterkünfte manifestieren. Wie ist diese Ablehungskultur einzuordnen? In welchem Zusammenhang steht sie zu rassistischen Diskursen? Das Projekt "Rassismus und Entsolidarisierung" erforschte diese Fragen. Auf der öffentlichen Arbeitstagung am 2.12.2016 diskutierten die Wissenschaftler*innen in Berlin mit Expert*innen die Ergebnisse ihrer Umfrage, den Stand der Rassismusforschung und ihre Perspektiven. Hier finden Sie die Video-Dokumentation der Arbeitstagung.

Eine Veranstaltung des Projekts "Rassismus und Entsolidarisierung"